
Microsoft
Frau Ritz, Sie sind promovierte Juristin: Warum haben Sie den Gerichtssaal gegen den Werbezirkusgetauscht?
Vor 17 Jahren habe ich bei AOL meine ersten Erfahrungen mit dem Internet gemacht. In der Zwischenzeit hat sich der Bereich "Digital" - angefangen vom Internet, den Medien, der Kommunikation bis hin zum Commerce - mit einer unvergleichlichen und kaum zu übertreffenden Dynamik entwickelt. Es geht nicht mehr nur um eine digitale Plattform, vielmehr nutzen wir heute eine Vielzahl von Endgeräten, wie PCs, Tablets, Smartphones, Fernsehgeräte, Spielkonsolen, et cetera, um miteinander zu kommunizieren, Informationen zu teilen und gemeinsam zu nutzen. Die rasanten Entwicklungen bieten fast grenzenlose, faszinierende Möglichkeiten, die mich ungemein begeistern. Da kann Jura beim besten Willen nicht mithalten.
Sie sind seit sieben Jahren bei Microsoft: Sind Sie selbst davon überrascht?
Ja und nein. Als ich vor sieben Jahren bei Microsoft angefangen habe, spielte das Konsumenten- und Werbegeschäft noch keine allzu große Rolle. Vielmehr lag der Schwerpunkt von Microsoft immer noch klar im Geschäftskundenbereich. Durch die zunehmende Entwicklung hin zum Endkonsumenten bin ich heute in meinem Element und finde es toll, dass ich diese Trends aktiv mit gestalten kann.
Sie sind ja auch recht weit oben angekommen inzwischen. Wie fühlt es sich an, als Frau bei Microsoft in der Unternehmensführung zu arbeiten?
Ganz wunderbar! Heute arbeiten in der deutschen Geschäftsleitung 46 % Frauen. Was jedoch vielleicht noch wichtiger als der Frauenanteil ist unsere Unternehmenskultur. Wir sprechen eine breite Zielgruppe an, was sich auch in der Zusammensetzung der Geschäftsleitung widerspiegelt. Das Arbeitsklima ist sehr offen und freundlich, weshalb ich mich sehr wohl fühle.
Ist es zeitlich schwierig, Arbeits- und Privatleben unter einen Hut zu bekommen?
Es erfordert sicherlich eine gute Organisation und sehr viel Mithilfe, um alles unter einen Hut zu bringen. Wenn man eine Geschäftsleitungsposition hat, wenn man Vollzeit arbeitet und wenn man wie ich zwei Kinder hat, dann muss man das sehr gut organisieren. Aber das geht schon.
"Unterm Strich zählt natürlich die Werbewirksamkeit einer Anzeige"
Der Online-Markt wird immer wichtiger in Punkto Umsatz und Reichweite: Warum gibt es nach wie vor so viele "Schund"-Anzeigen wie "Glückwunsch, Sie haben ein Auto gewonnen?!" oder obskure Anzeigen wie manche Ads auf MSN, die den Leuten Abonnements andrehen?
Wir verkaufen Werbeflächen, sind folglich also nicht für die Inhalte der Werbung verantwortlich. Wenn es darum geht, wirksame Werbung zu schalten, bieten wir unseren Kunden heute sehr gute Möglichkeiten und Tools an, um ihre Zielgruppen direkt anzusprechen. Spannend finde ich auch die neuen Werbeformen, die mit breitflächigem Video und mit Kundeninteraktion zu tun haben. Diese Werbung erlaubt es, mit dem Kunden in direkten Kontakt zu treten und einen Dialog zu führen. Wir unterstützen diesen Trend und bringen dafür unsere ganzen Technologiekenntnisse ein. Diese neuen Werbeformen ermöglichen es darüber hinaus, sich von der oftmals flachen Werbeansprache abzuheben.
Aber unterm Strich zählt natürlich die Werbewirksamkeit einer Anzeige - und nicht zwingendermaßen seine Ästhetik oder Schönheit.
Viele User empfinden Online-Werbung als störend, oder nehmen sie gar nicht mehr wahr. Sie wünschen sich "gute Werbung" - wie könnte die aussehen?
Eine Werbung ist dann gut, wenn sich der Nutzer durch die Werbung angesprochen fühlt, weil die Werbebotschaft oder das Produkt ihn reizt, weil er es interessant findet oder weil er durch die Darbietung der Inhalte unterhalten wird. Kurz: Wenn er für sich selbst einen Nutzen sieht und am Ende überzeugt ist, dass er das Produkt haben oder die Inhalte lesen möchte, dann funktioniert Werbung. In diesem Fall stimmen die Intentionen der Werbetreibenden mit den Wünschen der Konsumenten überein. Werbung wird dann nicht mehr als „Werbung" empfunden, sondern vielmehr als eine unterhaltsame Abwechslung zu einem interessanten Thema oder Produkt.
Klicken Sie auch mal auf Werbeanzeigen?
Ja natürlich. Ich bin ein ziemlicher Werbe-Junkie, nicht zuletzt auch weil ich in der Werbeindustrie groß geworden bin. Mich interessiert schöne Werbung, wie sie funktioniert und was dahinter steckt. Gleichzeitig bin ich auch ein ganz normaler Konsument: Auf gut gemacht Werbung oder Produktbotschaften spreche ich sofort an.
Werbung ist am Ende nichts anderes, als wenn ich eine Zeitschrift lese oder nach Infos zu einem Produkt suche: Ich erhalte interessante Informationen zu Themen, von denen ich bis dato nicht wusste, dass sie mich interessieren. Nachdem ich sie interessant aufbereitet erhalte, lese ich sie. Genauso funktioniert Werbung bei MSN.
Was ist für Sie die Werbeform der Zukunft?
Wichtig ist, dass die Produkt- beziehungsweise Markenbotschaft beim Konsumenten in der richtigen Form, zum richtigen Zeitpunkt und auf der richtigen Plattform ankommt. Die Zukunft geht verstärkt in Richtung Video. Wir werden immer mehr bildliche, filmhafte Werberealisationen sehen, die zunehmend mit Social Media zusammenwachsen. Dadurch schaffen wir eine direkte Interaktion mit dem Konsumenten, der unmittelbares Feedback geben kann.
Das Internet begleitet den Konsumenten auf seiner täglichen Reise mit den unterschiedlichsten Endgeräten, angefangen von PCs, Tablets, Mobiltelefonen, TV bis hin zu Spielekonsolen. Wir nennen dies "Customer Journey". Und auch die Online Werbung begleitet ihn auf dieser Reise und passt sich dem jeweiligen Medium an.
Schließlich geht es um eine engere Einbindung von Commerce: Viele Unternehmen gehen zunehmend in Richtung "Multikanal", verlagern also das Verkaufsgeschäft von der Straße auch ins Internet und kombinieren die Verkaufsprozesse miteinander. Dieser Trend wird eine große Rolle bei der Werbung der Zukunft spielen, da Commerce noch viel enger mit der klassischen Werbung verbunden sein wird.
Die Vormachtstellung von Facebook im Web sehen viele als erdrückend an - Sie hingegen als Chance?
Facebook ist im Bereich der Sozialen Netzwerke sehr stark. Aber es gibt im Web noch ganz andere Bereiche wie Suche, Portale und Videoportale, wo Facebook keine maßgebliche Rolle spielt. Facebook ist für Microsoft einerseits ein Mitbewerber, andererseits auch ein ganz toller Partner, weil man mit Communities wie Facebook natürlich wunderbar arbeiten kann. Das beste Beispiel dafür ist Bing in Kombination mit Facebook. Suchergebnisse, die auf den ersten Blick relativ objektiv sind, lassen sich nun individualisieren, beispielsweise entsprechend der persönlichen Relevanz für eine Person. Bei Facebook wirkt sich der Freundeskreis eines Users auf das Suchergebnis aus.
Lassen Sie mich hierfür ein Beispiel nennen: Wenn ich eine Videokamera suche, und mein Freundeskreis eine spezifische Kamera bereits empfohlen hat, dann wird diese Kamera in meinen Suchergebnissen ganz oben angezeigt. Das ist dann quasi eine Freundesempfehlung und folglich eines der stärksten Verkaufsargumente überhaupt. Dasselbe gilt natürlich bei Tipps zu Restaurants, Ausgehen, Sightseeing - die personalisierte Empfehlung durch Freunde ist wunderbar.















