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24 Juli 2012 | Von Boris Schneider-Johne (jeb)

Schneiders Upstream: Mein Leben ist Kleben

Egal wieviel Geld Sie für edelste Hardware ausgeben - neu und unbefleckt sieht sie niemals aus. Mit einer für mich ärgerlichen Ausnahme.


Ab und zu wollen Menschen ein Foto mit mir machen - zum Glück mit absteigender Tendenz, nicht zuletzt, weil ich auch dieses Jahr nicht auf der Gamescom sein werde. Oft kann ich den Menschen dann direkt sagen, wieviele Megapixel ihre Digitalkamera hat und welchen Zoomfaktor das Objektiv bietet. Das ist keine Magie oder das sture Auswendiglernen von Datenblättern, sondern der direkte Effekt eines der leidigsten Themen des High-Tech-Einkaufs. Ich rede von Aufklebern.

  • Boris Schneider-Johne

    Boris Schneider-Johne war in seinem Leben schon Programmierer, Produzent, Übersetzer, Journalist, Pressesprecher und mehr. Sein aktueller Job ist der eines Produktmanagers für das Betriebssystem Windows, weswegen unter anderem stets die neueste PC-Hardware auf seinem Schreibtisch landet. Nebenbei betreibt er mit Kollegen aus den 80er Jahren den Spieleveteranen-Podcast und nimmt für msn selbstkritisch seinen Umgang mit der neuesten Technik unter die Lupe. (Bild: Boris Schneider-Johne)

Vor mir auf dem Tisch ist ein brandneues Ultrabook von Toshiba. Auf dem Bildschirm, links oben, klebt ein Aufkleber von Skype. Auf dem Gerät selbst eine riesige silberne Folie rechts unter der Tastatur, welche mir technische Features meiner Neuerwerbung beschreibt. Auf der linken Seite zwei Aufkleber von Intel. Einer sagt mir "Toller Core i5 Prozessor hier drinne" der andere beweist "Ja, das ist wirklich ein Ultrabook, denn wir haben einen Ultrabook-Aufkleber aufgeklebt!".

Dann sagt mir Toshiba noch, dass da irgendwelche Sicherheitsfeatures drinnen sind, ein weiterer Kleber weist auf das installierte Windows 7 hin. Das sind sage und schreibe sechs Aufkleber. Alle hässlich und für mich als Besitzer des Gerätes völlig nutzlos. Fünf davon lassen sich mit spitzen Fingernägeln auch rückstandsfrei entfernen. Raten sie mal, welcher Aufkleber am hartnäckigsten ist?

Ja, der von Intel mit dem "Core i5"-Logo. Klebt wie die Seuche und ist, wie man nach der Entfernung sieht, auch noch eine holografisch gestanzte Silberfolie, also teuer. Die Klebereste lassen sich am Gehäuse nur mit einem Benzinreiniger vollkommen entfernen. Und ich frage mich die ganze Zeit - was, außer Haß beim Kunden, will Intel mit diesem Aufkleber bewirken?

Einer für alle

Die schreckliche Wahrheit für diese Aufkleberitis ist folgende. Der Einzelhandel wird vom Hersteller als dumm und faul angesehen. Wenn Sie in den Elektrogroßmarkt ihres Vertrauens gehen, stehen dort die PCs in Reih und Glied und damit sie, lieber Käufer, genau erkennen, was denn nun in dem Gerät steckt, ist da die komplette Aufkleberparade drauf.

Nehmen Sie einen handelsüblichen Bluray-Player. Da klebt oft auch oben drauf der Pappaufsteller, der sie doch nur im Laden zum Kauf der Produktes verführen soll. Und um sicherzustellen, dass der Aufkleber auf dem im Laden ausgestellten Gerät auch wirklich zu sehen ist, bekleben die Hersteller tatsächlich einfach alle Geräte. Dann kann der Händler irgendeins auspacken und der Aufkleber ist schon drauf.

Praktisch?

Nein, Sippenhaft für die Kunden und eine Beleidigung für den Verkäufer, denn der will doch verkaufen, der will das Gerät anpreisen, der wird sich hoffentlich darum kümmern, dass die technischen Daten und wertvollen Innereien dargestellt werden. Oder?

Nee, die Wahrheit hat noch eine zweite Ebene und die ist viel verrückter. Kaum ein Mensch kümmert sich drum, ob da jetzt ein Core i5 im Gehäuse steckt, wenn er sich einen neuen PC kauft. Aus Erfahrungen bei der PC Vermarktung weiß ich, dass ein Großteil der Menschen nicht den Hauch einer Ahnung hat, was die Unterschiede zwischen den Prozessortypen sind und was sie ihnen bringen.

Aber - und jetzt halten sie sich fest, Intel gibt dem PC Hersteller Geld dafür, wenn sein Logo auf dem Rechner prangt, weil man sich einen minimalen Werbewert verspricht. Und zwar nicht für den, der den PC kauft, sondern für dessen Freunde. In der Art von "Ich hab 'nen neuen PC, ich find ihn toll, ich zeig ihn meinen Freunden und die sehen "Ah! Core i5! Muß gut sein, so was brauch ich auch"."

Was? So ticken ihre Freunde nicht? Willkommen in der wunderbaren Welt des Marketings, wo ihnen vorgerechnet wird, dass 17 Cent Kosten für die Beklebung eines PCs hochgerechnet für die Beeinflussung von 0,2% der Kunden sich immer noch rechnen und kostengünstiges Marketing sind.

Liebe Hersteller, was in der Rechnung fehlt sind die 99,8 Prozent, die diesen Aufkleber nicht brauchen und fluchen, wenn man ihn in mühevoller Kleinarbeit abknibbeln muss. Wenn mich das drei Minuten kostet und ich von preiswerten acht Euro Stundenlohn ausgehe, dann habt ihr mich soeben um 40 Cent gebracht. Plus die Wut, Nerven und Missgunst, die euch jetzt entgegenschlägt. Vom negativen Werbewert dieser Kolumne ganz zu schweigen!

Schutz und Schmutz

Ein weiteres Thema, bei dem ich nicht mehr lächeln kann, sind Schutzfolien. Da haben Sie ihren neuen Laptop, in feinster Klavierlackoptik. Er ist sorgsam mit Schaumstoff in einem Pappkarton verpackt, in einer Antistatikfolie. So perfekt aufbewahrt wird er nie mehr im Leben sein. Und trotzdem befindet sich auf allen klarglänzenden Teilen, auf dem Bildschirm, auf jeder Metallooberfläche eine Schutzfolie. Wissen Sie, was diese Schutzfolie bedeutet?

Morgen schon wird ihr PC verbraucht aussehen. Fingerabdrücke, zwei kleine Mikrokratzer, Staub, der im Sonnenlicht funkelt. Neu sieht so ein Rechner nur in dem Moment aus, in dem man die Schutzfolie abzieht. Bei manchen Laptops liegt sogar noch ein Tuch oder Schaumstoff zwischen Tastatur und Bildschirm. Dessen Bedeutung ist: "Wir haben das Gerät so flach gemacht, dass beim Transport die Tastatur auf der Bildschirmoberfläche reibt. Tun sie bessser IMMER eine Folie rein, sonst sehen sie übermorgen schon Tastaturschrammen im Bildschirm. Aber wir haben das Gerät dafür 0,5 Millimeter schmaler hingekriegt!"

So ein Quatsch, völlig an der realen Benutzung eines Laptops vorbeidesignt. Ich suche meine Laptops inzwischen so aus, dass sie auch in drei Monaten noch halbwegs gut aussehen. Und das tun preiswerte raue Plastikgehäuse oft besser als die schickste Designer-Optik.

Und mir tut es als Windows-Liebhaber natürlich in der Seele weh, wenn ich mitanschauen muss, dass der einzige Hersteller, der diese Themen halbwegs kapiert, Apple ist. Egal ob iPod oder Mac Book, kein unnötiger Werbeaufkleber verunstaltet das Gehäuse. Dafür liegt ein Apfel-Aufkleber für das Auto in der Schachtel. Geschickt und beneidenswert. Zumindest aus Sicht eines PC Käufers.

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  • Boris Schneider-Johne

    Boris Schneider-Johne war in seinem Leben schon Programmierer, Produzent, Übersetzer, Journalist, Pressesprecher und mehr. Sein aktueller Job ist der eines Produktmanagers für das Betriebssystem Windows, weswegen unter anderem stets die neueste PC-Hardware auf seinem Schreibtisch landet. Nebenbei betreibt er mit Kollegen aus den 80er Jahren den Spieleveteranen-Podcast und nimmt für msn selbstkritisch seinen Umgang mit der neuesten Technik unter die Lupe. (Bild: Boris Schneider-Johne)

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1Kommentar
24. Jul 2012 20:32
avatar

./sign....auch zu Apples aufkleber. Ich habe auch einen tollen klaviergelackten Toshiba und ungefähr 10 sekunden NACH dem Abziehen der tollen Schutzfolie, war schon ein Kratzer im Deckel. Warum ? Höchst einfachst - ich böser Nutzer habe mir die Unverfrorenheit herausgenommen nd das Notebook umgedreht !! Jaaaa.....einfach so ! Und auf meinen dümmlicherweise nicht nerz-abgesteppten Wohnzimmertischplatt​​e hat der blasphemische Umgang sofort seine Spuren tief in die Hightechverpackung graviert. Wie kann ich auch nur.

Aber vielleicht kommen ja bald vom Reseller noch Aufkleber in die Packung - dann kann ich meinen Kratzer überkleben mit kompetenter Media-Markt Sprache. "Geht wie Schmitz Katz" - oder - "der i7 ist aber besser" sind schon lange auf meiner Wunschliste - egal ob für Auto oder Notebookdeckelkratze​​r.
Vielleicht aber auch was in Anlehnung an momentane Autokleber-Trends in der Art wie "Kein scheiss i7 in scheiss-Klavierlack´verpack​​ung an Bord" - das würde ich vielleicht sogar bezahlen ...

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