MSN DigitalMSN Digital
5 September 2012 | Von Boris Schneider-Johne (jeb)

Schneiders Upstream: Ich will mehr Bilder

Boris schlendert über die IFA, träumt von neuen Fernsehern und versteht nicht, warum hohe Bildwiederholraten so unbeliebt sind.


Die Internationale Funkausstellung in Berlin ist der beste Ort, um sich kompakt an einem Tag über die Neuigkeiten zu informieren, die einem die Unterhaltungselektronik in den nächsten Monaten bieten wird. Auch ich verbringe meine Tage auf der IFA nicht nur bei den Computerherstellern (dazu ein ander Mal mehr), sondern schaue auch auf Fernseher und sogar in die Haushalts-Hallen, wo Staubsauger-Roboter neben Saftpressen stehen.

  • Boris Schneider-Johne

    Boris Schneider-Johne war in seinem Leben schon Programmierer, Produzent, Übersetzer, Journalist, Pressesprecher und mehr. Sein aktueller Job ist der eines Produktmanagers für das Betriebssystem Windows, weswegen unter anderem stets die neueste PC-Hardware auf seinem Schreibtisch landet. Nebenbei betreibt er mit Kollegen aus den 80er Jahren den Spieleveteranen-Podcast und nimmt für msn selbstkritisch seinen Umgang mit der neuesten Technik unter die Lupe. (Bild: Boris Schneider-Johne)

Dieses Jahr war es aber mehr als pures Interesse, ich wollte konkret wissen, in welche Richtung sich mein nächster Fernseherkauf richten soll. Und mit OLED-Bildschirmen soll ja von LG und Samsung eine gar wunderbare neue Technologie in den Startlöchern stehen. Die ausgestellten OLED-Prototypen (Seriengeräte sind noch nicht konkret angekündigt) wussten in ihren drei Kerndisziplinen zu überzeugen: Kontrast, Farbe und Dünnheit. So flach, grellbunt und gleichzeitig tiefschwarz ist keine andere Display-Technik auf diesem Planeten. Und trotzdem hat mich das Bild der OLED-Prototypen nicht angemacht.

Schon seit über zwanzig Jahren, als ich durch Zufall eine Demonstration und auch Dreharbeiten von einem Film im Showscan-Format gesehen habe, bin ich Verfechter von hohen Bildwiederholraten. Zur Erklärung: Normales Kino arbeitet mit 24 Bildern in der Sekunde, die über die Leinwand flackern - im wahrsten Sinne des Wortes, denn zwischen zwei Bildern ist es auf der Leinwand für den Bruchteil einer Sekunde schwarz.

Diese 24 hat sich seit 1927, also 85 Jahren, nicht geändert. Zu Zeiten des Stummfilms gab es nicht mal einen festen Wert, und Filme wurden oft beschleunigt gezeigt, was sogar einen Teil der Slapstick-Komik mit den rasanten Bewegungen ausmacht. Mit dem Tonfilm hingegen mussten sich Filmproduzenten und Kinobetreiber auf einen festen Wert einigen, damit der Ton nicht leiert. Technisch und logistisch ging es auch nicht viel schneller und diese Geschwindigkeit war gut genug, um einen realistischen Eindruck von Bewegung zu verwirklichen. Seit 1927 sind Filme zwar deutlich schärfer geworden (besseres Filmmaterial und größere Filmstreifen), bunt statt schwarzweiß, haben in der Regel Sechs-Kanal-Ton (oder mehr) und sind seit neuestem auch in 3D. Nur bei den 24 Bildern pro Sekunde ist es geblieben.

Dabei ist seit vielen Jahren klar, dass mehr Bilder pro Sekunde viel realistischer aussehen und - bei gleicher Bildqualität - "schärfer" wirken. Fußballübertragungen im Fernsehen beispielsweise sehen Sie mit 50 Bildern in der Sekunde (jahrelang über Halbbilder gemogelt, jetzt echte 50) und glauben Sie mir, sie würden den Fernseher aus dem Fenster werfen, wenn dieses Sportereignis nur in "Kinoqualität" übertragen werden würde. Aber auch im Kino der letzten Jahre ist eigentlich ein Update notwendig – bei modernen Actionfilmen ist so viel auf der Leinwand los (bei sich bewegender Kamera), dass man mit lausigen 24 Bildern pro Sekunde oft nur Kauderwelsch sieht. Action braucht mehr Bilder pro Sekunde, fragen ruhig sie einen Egoshooter-Spieler in ihrer Bekanntschaft.

Mehr Frequenz durch Tricks

Schon seit mehr als zehn Jahren gibt es daher Fernseher, die mit Tricks und Schlichen versuchen, die Bildfrequenz zu erhöhen. Dazu werden die Bewegungen auf dem Bildschirm analysiert und ein (oder mehrere) Zwischenbilder errechnet. Damit werden grobe Bewegungsabläufe weicher (zum Beispiel ein Schwenk über eine Landschaft), aber in detaillierten, schnellen Bewegungen kann es auch zu Fehlern kommen (oder wenn eine Schrifteinblendung über einem Bildbereich mit viel Bewegung schwebt).

Auf der IFA hat zum Beispiel Philips gezeigt, wie weit diese Technik inzwischen ist. Indem die Hintergrundbeleuchtung des Fernsehers mehrere hundert Mal in der Sekunde ein- und ausgeschaltet wird und entsprechend viele Zwischenbilder berechnet werden, kann man in HD schnell über einen Rasen schwenken und trotzdem jeden einzelnen Grashalm scharf und deutlich erkennen. Mit Worten ist der Effekt schwer zu beschreiben, steht man zwischen zwei Fernsehern, bei denen diese Bildberechnung ein- und ausgeschaltet ist, kann man ein "altes" Fernsehbild eigentlich nur noch mitleidig kopfschüttelnd betrachten. Besser wäre es natürlich, wenn der Fernseher gar nicht erst tricksen müßte, sondern das gezeigte Material von vorne herein mit mehr Bildern pro Sekunde aufgenommen wäre. Dann würden sich auch die immer wieder einschleichenden Detailfehler durch die künstliche Hochrechnung vermeiden lassen.

Achja, kurz zurück zu den anfangs erwähnten OLED-Modellen. Deren Farbbrillanz und Schärfe wird auch durch Material mit niederiger Bildwiederholrate wieder "eingeholt". Tiefes Schwarz und poppige Farben lohnen sich nicht, wenn gleichzeitig bei einem Schwenk das ganze Bild verschwimmt. Und auf diese Tricks waren die ausgestellten Prototypen noch nicht optimiert.

"Besseres Bild? Nein danke"

Trotz offensichtlich schärferer Bilder gibt es trotzdem Widerstand gegen höhere Bildraten, insbesondere im Kino. "Das sieht nicht mehr wie Kino aus, sondern wie echt und holt mich damit aus der Fantasy raus" war zum Beispiel zu hören, als Peter Jackson erste Szenen seines "Hobbit" zeigte – die erste große Kinoproduktion, die komplett mit 48 Bildern pro Sekunde, also doppelter Bildrate, gedreht wird. Auf mich wirkt es befremdlich, wenn bei einer neuen Produktion gesteigerte Bildqualität als Nachteil verstanden wird. Genauso kann man sagen, dass der Farbfilm ja komplett in die falsche Richtung ging und überhaupt, Dialoge die man hören kann, das nimmt völlig die Dramatik und prägnante Kürze von als Texttafeln eingeblendeten Sätzen in einem Stummfilm. Verständlich natürlich, dass man einen Klassiker, nehmen wir "Casablanca", weder koloriert noch mit ausgerechneten Zwischenbildern sehen will, aber bei den schnellen Kameraschwenks eines "Spider-Man" oder Massenszenen wie im "Herrn der Ringe" würde ich mich über eine bessere Bewegungsdarstellung freuen.

Für die High-End-Fernseher, die ihr Bild so aufpeppen, gibt es da übrigens eine praktische Lösung: Die Effekte kann man alle in der Regel ausschalten, je nach Film. Und deswegen habe ich Verlangen nach einem neuen Modell, das mir "virtuelle" 200 Bilder pro Sekunde präsentiert und meine Augen mit technischen Tricks überlistet, "Casablanca" aber eben genauso darstellen kann, wie es im Kino vor sechzig Jahren vor sich hin flackerte.

Zum Abschluß noch ein paar Worte über persönliche Erfahrungen mit hohen Auflösungen, also Fernsehern, die noch schärfer sind als das heute akzeptierte 1080p HD-Format. Einige bald lieferbare Fernseher arbeiten intern mit "4K" (hier steht die 4 für die horizontale Auflösung, in der HD-Nomenklatur wäre das ein 2160p Display), aber da es außer in der Kinoprojektion kein 4K-Material gibt, werden hier Blu-Ray-Filme künstlich hochgerechnet.

4K oder gleich 8K?

Dummerweise klappt das weniger gut als beim Hochrechnen von "Zeit" mit mehr Bildern pro Sekunde. In einem Standbild sind nicht mehr Details versteckt als es hat, auch wenn man die Auflösung per Algorithmus vervierfacht. Zwar zeigte die Redaktion c’t einen selbstgemachten 4K Kurzfilm zum Vergleich auf normalen HD und 4K-Monitoren, und da ist der Unterschied auch zu sehen; aber ihre existierende Filmsammlung wird von so einem Fernseher eher nicht profitieren. Die wahre Zukunft zeigte Panasonic mit einem beinahe wandgroßen 8K-Display, mit 4320 Zeilen also (das entspricht der Auflösung von 16 HD Fernsehern - ein Block von vier mal vier Fernsehern). Ein kurzer Film aus einem Zoo in 8K Auflösung war absolut atemberaubend – man konnte ganz nah an das Bild herantreten und jedes einzelne Haar des Löwenfells und jedes Detail einer Pfauenfeder sehen. Nur ist das Ganze ein gewaltiger Overkill, da wir mit dem menschlichen Auge nur einen kleinen Bereich scharf sehen können. Oder anders ausgedrückt: Über 90 Prozent der Bildfläche nehmen wir gar nicht scharf war und ob wir dafür dann fast zwanzigmal mehr Speicher pro Film übertragen wollen, erscheint mir dann doch fraglich.

Ich bin aber durchaus erstaunt von der IFA wiedergekommen. Es ist tatsächlich noch Luft nach oben in der Bildqualität für das Heimkino. Hohe Bildraten werden meiner Ansicht nach mit Sicherheit kommen und die ständig besser werdenden Zwischenbild-Berechner sind in aktuellsten Modellen für mich auch Spielfilm-tauglich geworden – sofern ich sie, je nach Film, an und ausschalten kann. Und irgendwann 2025 beklagen wir uns, dass wir in Ultra-HD-Auflösung jedes Staubkorn auf der Tischplatte des Tagesschau-Studios sehen können.

****
Mehr Boris Schneider-Johne lesen Sie hier:

Mehr aus Computer & Technik:

Worauf warten? Werden Sie Fan von MSN Deutschland bei Facebook

 

Sponsored Links

0Kommentare

Partnerangebote

  • Mach mit und gewinne!

    Nutze die Chance und gewinne handsignierte PUMA PowerCat.

  • Neue Liebe?

    Für prickelnde Dates & glückliche Beziehungen - triff Singles aus Deiner Nähe bei NEU.DE